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Die Geburt im Mittelalter



„Die schwangere Frau sollte ohne Gram und Ärger ihr Kind auf die Welt bringen können. Ihr Essen sollte gleichmäßig sein. Sie sollte nichts Schwerverdauliches essen. Lieber häufiger essen und dabei scharfe, gewürzte Speisen vermeiden“, meinte ein Ratgeber-Buch im späten Mittelalter. Schon die Geburt war in dieser Epoche der Menschheit eine äußerst lebensgefährliche Angelegenheit. Fast jedes zweite Kind starb und der Tod im Kindbett war Normalität. Bei einer Geburt sollte die Stube möglichst gut ausgestattet sein: mit einem Wasserbottich, einem Füllkrug, einer Flasche aus Ton, einem Kupferbecken mit Kamm und Pinsel und einer Nähkassette. Die Schwangere bekam zum Überstehen ihrer Wehen eine kräftige Suppe, auch wurde sie gebadet. Auf einem Holzschnitt aus einer Inkunabel, gedruckt 1483 von Konrad Dinckmut in Ulm, sind zwei Frauen zu sehen, die einer Gebärenden im Bett zur Seite stehen. Eine zieht das Kind aus dem Leib der Mutter; die zweite kniet daneben auf einer Bank, zieht das Laken zurecht und hält die linke Hand der Frau.

Das Neugeborene wurde gebadet, nachdem die Nabelschnur mit einem Faden abgebunden und ein in Olivenöl getauchter Verband aus Leinenstreifen um seinen Körper angelegt worden war. Ein Tropfen Olivenöl zur Reinigung kam auf Augen, Nase und Ohren. In allen mittelalterlichen Vorschriften heißt es, dass die Pflegeperson und insbesondere die Hebamme reine Hände haben sollte und auch geschnittene Nägel, um das Kind nicht zu verletzen. Ein Spruch aus einem damaligen Gesundheitsbuch lautete: „Mit dem Aufgang der Zehnen, muss ich mein Kind entwenen.“
Kind wird aus der Mutter gezogen
Das Kind wird von Helferinnen
aus der Mutter gezogen.
(C: SoSo Media A&A)

Frauen, die auf einen zu reichlichen und gefährlichen Kindersegen verzichten wollten, versuchten es auch im Mittelalter mit Empfängnisverhütung. Auch wenn Kirche und König sowie die Aussicht auf eine bessere Versorgung im Alter dagegen sprachen. Denn allein das Überleben beanspruchte alle Kräfte von Mann und Frau. Eine Schwangerschaft und die folgende Geburt kamen da fast nie zur richtigen Zeit. Methoden der Geburtenregelung waren im Mittelalter wohl der Coitus interruptus, die späte Heirat, die Enthaltsamkeit, gewisse Mittelchen, Kondome aus Tierblasen oder die Abtreibung. War trotzdem ein Kind unerwünscht zur Welt gekommen, griffen manche Frauen in ihrer Not zum schlimmsten Mittel: der Kindstötung.

Ein Chronist klagte: „Wer hat nicht diese ausgestoßenen Kinder gesehen, die, wenn sie ihrer Mutter gebracht und in die Arme gelegt wurden, schreien, um von ihr loszukommen und ihre kleinen Hände ausstrecken, um wieder in die Arme ihrer Amme zurückzukehren?“ Die Menschen der untersten Schicht, die keine Kinder ernähren konnten, kein Geld für ihre Kleidung hatten, womöglich auch keinen Wohnsitz, brachten ihren unerwünschten Nachwuchs in die Findelhäuser. Nicht selten waren damals Kinder ohne Eltern, zumal diese ja auch oft viel zu früh verstarben. Die Waisenhäuser, damals auch Findelheime genannt, waren stets überfüllt. Viele hungernde Kinder mussten sich den nomadisierenden Menschen anschließen, damit sie etwas zum Beißen bekamen. So war das Mittelalter eine Gesellschaft der jungen Menschen. Rund die Hälfte der Bevölkerung war minderjährig. Kindergärten waren im Mittelalter Fehlanzeige. Schulen gab es weniger als Oasen in der Wüste. Unsere Ahnen waren stets umringt von Kindern, die sowieso meistens bei der anfallenden Arbeit helfen mussten.

Man schätzt, dass um 1500 auf der gesamten Erde rund 450 Millionen Menschen lebten, davon über 50 Millionen in Europa. Dort, so nimmt man an, lebten durchschnittlich sechs bis zehn Personen auf einem Quadratkilometer. Die größte Verstädterung gab es am Ende des Mittelalters in Holland. Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung lebte hinter schützenden Stadtmauern. Durch Londons Straßen wuselten um 1500 rund 60.000 Menschen.

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