Wurm im Kopf


Medizingeschichte: Wurm im Kopf
Ein wiederentdecktes Manuskript aus dem Mittelalter gibt Aufschluss über Techniken früher Hirnoperationen.

Manchmal ist einfach der Wurm drin, gelegentlich sogar im Hirn - so glaubten jedenfalls viele Menschen im Mittelalter. Doch wie ein Operationsbericht aus dem 14. Jahrhundert belegt, den Medizinhistoriker der Universität Würzburg derzeit analysieren, hatten die damaligen Chirurgen schon beachtliche Kenntnisse, einem solchen "Worm im Koppe" - einem Tumor - zu Leibe zu rücken.

Dass der Text erst jetzt das Augenmerk der Forscher fand, hängt mit seiner ungewöhnlichen Geschichte zusammen. Das aus Nordniedersachsen stammende Manuskript war in der damaligen "Volkssprache" Mittelniederdeutsch verfasst - Wundärzte hatten keine akademische Ausbildung und konnten kein Latein. Veröffentlicht und annotiert wurde der Bericht zudem bislang nur von einem schwedischen Doktoranden.

Für die Historiker hat der Text einen hohen Wert. Denn die wenigsten Operationsberichte aus jener Zeit sind erhalten geblieben, und vielfach hatten die Meister ihre Kenntnisse in chirurgischen Geheimbüchern notiert, die sie nur an ausgewählte Zöglinge weitergaben.

Wie die Wundärzte schreiben, litt ihr Patient an einem Meningeom - einer Geschwulst, die an der Hirnhaut haftet und oft am Schädelknochen nagt. "Mediziner waren bereits in der Lage, den Tumor zu orten", sagt Projektleiter Gundolf Keil. Sie testeten die Beweglichkeit und Sensibilität der Gliedmaßen, um den geschädigten Hirnbereich einzugrenzen und den Schädel gezielt anzubohren.

Mit einer Art Zange öffneten sie die Knochenplatte und klappten diese zur Seite. Nachdem sie die schmerzempfindlichen Hirnhäute durchtrennt hatten, versuchten sie, in der gefühllosen Hirnmasse krankes von gesundem Gewebe zu unterscheiden. Auch dass es lebenswichtig war, die Geschwulst komplett herauszulösen, wussten die Wundärzte bereits. "Etwa die Hälfte der Patienten überlebte den Eingriff", sagt Keils Kollege Werner Gerabek - auch der beschriebene Patient.

Gelernt hatten die Ärzte ihre Technik auf dem Schlachtfeld. "Im Mittelalter wurde mit neuen Waffen gekämpft", so Gerabek. Mit Schwingbeil, Hammer und Morgenstern schlugen die Gegner aufeinander ein. Und die Chirurgen mussten sich neue Methoden ausdenken, um Verletzte zu retten. Vor der Operation betäubten sie ihre Patienten - und das mit effizienten Mitteln: In Alraune-, Schierling- und Bilsenkraut-Extrakten getränkte Schlafschwämme wurden dem Verwundeten über Mund und Nase gelegt, der daraufhin in Vollnarkose operiert werden konnte; den Narkose-Abbruch bewirkten Weckschwämme mit Fenchel-Extrakten.

Dennoch haben die Ärzte ab etwa 1490 von dieser Methode Abstand genommen. Der Grund ist umstritten. Nach einer These von Franz-Josef Kuhlen, Pharmazie-Historiker aus Rosbach, wollten die Mediziner nicht in den Verdacht der Hexerei geraten und mieden das Narkose-Kraut, das, mit dem "Fett ungetaufter Kinder" zu einer Salbe vermischt, angeblich das Besenreiten durch die Luft ermöglichte.

Keil und Gerabek nennen einen profaneren Grund. Die Dosierung sei sehr schwierig gewesen, was den führenden deutschen Chirurgen des Spätmittelalters zum Ausspruch bewog: "Do hüet dich vor."

Schmerzlose Operationen waren für die folgenden 350 Jahre selten. Erst Äther und Chloroform machten die Vollnarkose wieder möglich.

Gelesen: Geo